Abschied

Es war ein schöner, sonniger Tag. Erstaunlich warm schon für Anfang Mai. Zirka fünfundzwanzig Grad, schätzte ich. Draußen in unserem weitläufigen Garten zwitscherten sich die Vögel schier die Seele aus dem Leib.
Die Küchentür, durch die ich mir Einlass verschafft hatte, stand weit offen, die Gardinen wurden durch die frische Morgenbrise bis weit in den Raum geweht. Durch das Fenster über der Spüle konnte ich die Blüten der Bäume erspähen, weiß und rosa in Grün gefaßt, ein wahrer Farbentaumel. Der Anblick passte gut zur Küche mit ihren hellen Kiefernmöbeln, dem sonnengelben Anstrich und der weiß-grün gemusterten Essgruppe. Eine Biene summte am Türrahmen, zögernd, nicht wissend, ob sie nun hereinfliegen sollte oder nicht, überlegte es sich dann aber anders und flog wieder davon. Der Kaffe blubberte gerade durch die Maschine und erfüllte, trotz offener Tür, den Raum mit seinem verlockenden Duft. Ich schnupperte gierig.
Oben hörte ich Marius im Bad herumfuhrwerken. Marius, bis vor kurzem noch mein Mann. Er war der Grund, weshalb ich hier war. Der Wunsch, ihm ein letztes Mal Adieu zu sagen.
Oben quietsche eine Türangel zum Gotterbarmen. Vermutlich die Schlafzimmertüre. Die quietschte schon seit Monaten. (Himmel, langsam könnte er sie wirklich mal ölen. Das heißt: Ist ja jetzt wirklich nicht mehr mein Problem!). Kurz darauf polterten Schritte die Treppe hinunter, und eine Sekunde später stand Marius im Durchgang zum Wohnzimmer.
Schlecht sah er aus. Die schwarze Hose, die er trug, passte schon seit Jahren nicht mehr richtig, und das Hemd sah aus, wie ich mir schon gedacht hatte dass es aussehen würde, wenn ich es nicht mehr bügelte. Marius hatte immer schon das Talent besessen, in seine Hemden mehr Falten hinein- als herauszubügeln. Vermutlich war das der Grund, dass er es vor unserer Hochzeit vorgezogen hatte, meistens in Jeans und T-Shirt herumzulaufen. Das konnte er sich heute natürlich nicht mehr leisten. Nicht als Filialleiter einer der größten deutschen Banken, nicht mit fast fünfzig, und erst recht nicht mit diesem Bauch. Früher, in romantischeren Zeiten, hatte ich gern meinen Kopf darauf gebettet, wenn wir gemeinsam auf der Couch lagen und uns Videos ansahen. „My pillow of love“, pflegte ich dann lachend zu sagen und mit den Fingerspitzen die weiche Haut rund um den Bauchnabel zu streicheln.
Vorüber, vorbei, dahin. Oh du lieber Augustin... – Ich stieß einen tiefen Seufzer aus.
Marius ignorierte mich. Mit verbissenem Gesichtsausdruck, heftig zuckenden Wangenmuskeln und zusammengepressten Lippen walzte er an mir vorbei, und ich trat aus Gewohnheit einen Schritt zur Seite. Er riss die Schranktür auf, entnahm ihr seine geliebte Tasse, knallte die Tür lauter als nötig war wieder zu und goss sich mit gereizten, heftigen Bewegungen einen Kaffee ein, wobei die Hälfte auf die resopalbezogene Arbeitsfläche schwappte. Er ignorierte die Pfütze ebenso wie mich, wandte sich wortlos zum Tisch um, knallte die Tasse darauf und ließ sich gleichzeitig auf einen Stuhl fallen. Dann stützte er seine Ellenbogen auf und verbarg sein Gesicht zwischen den Händen. Das Stöhnen, das hinter dieser Barriere aus menschlichem Fleisch hervor drang, ging mir durch Mark und Bein. Nervös fuhr ich mir mit der Zunge über die Lippen und machte einen beherzten Schritt nach vorne.
„Ich bin nur noch einmal gekommen, um mich zu verabschieden“, erklärte ich dem gesenkten Haarschopf vor mir.
Langsam ließ er die Hände sinken. Das Gesicht, das dahinter zum Vorschein kam, sah grau und zerknittert aus, mit tiefen Ringen unter Augen, die vom vielen Weinen gerötet waren. Er starrte an mir vorbei, auf einen Punkt irgendwo hinter meiner linken Schulter.
„Wie konntest du mir das antun?“ Seine Anklage traf mich wie ein Schlag ins Gesicht, unwillkürlich machte ich einen Schritt rückwärts. „Wie konntest du mich einfach so verlassen? Wie konntest du nur..?“ Seine Stimme klang heiser, kippte.
„Du tust gerade so, als hätte ich mir das ausgesucht.“, verteidigte ich mich. „Glaubst du denn, mir macht das Spaß?! Denkst du im Ernst, das ich gewollt habe, das alles so kommt, wie es nun einmal gekommen ist?“
„Ich hoffe, hoffe sehr, dass du jetzt glücklicher bist.“ Sein Tonfall, schwankend zwischen Gehässigkeit und Verzweiflung, strafte seinen höflichen Wunsch Lügen.
„Glücklicher? Wohl kaum. Ich bin ebenso Opfer der Umstände, wie du. Aber es ist fast schon typisch, dass du das wieder vollkommen außer Acht lässt. Wann hast du eigentlich das letzte Mal an jemand anderen als an dich selbst zuerst gedacht, hm?“
„Zweiundzwanzig Jahre“, stöhnte er. „Zweiundzwanzig wunderbare Jahre – von jetzt auf gleich, kaputt. Wie soll es denn jetzt weiter gehen? Was soll ich bloß ohne dich machen?“
Jetzt fing er doch tatsächlich auch noch an zu weinen, um Himmels willen. Schon war meine Hand unterwegs, wollte ihm seinen langsam lichter werdenden Lockenschopf streicheln. In letzter Sekunde beherrschte ich mich jedoch und zog die Hand rasch wieder zurück.
„Du musst einsehen, dass unser gemeinsamer Weg hier zuende ist“, erklärte ich stattdessen mit einer Härte, die ich nicht wirklich empfand. „Dein Leben läuft weiter – und zwar ohne mich. Ebenso, wie meines weiterläuft ohne dich. Was du tun sollst? Dasselbe wie ich. Abwarten, was kommt, und das Beste daraus machen.“
Er stieß ein verächtliches Schnauben aus, stieß grob den Stuhl zurück und ging hinüber ins Wohnzimmer, wo er geradewegs Kurs auf unsere gut bestückte Hausbar nahm. Ich folgte ihm auf den Fersen und sah mit unbehaglichem Gefühl zu, wie er ein Whiskeyglas bis fast unter den Rand füllte und den Inhalt bis auf einen kleinen Rest in seinen Rachen kippte.
„Schönen Gruß von deiner Leber“, murmelte ich.
„Das Leben geht weiter, das Leben geht weiter“, äffte er nach und fuhrwerkte dabei mit dem Glas, dass die Tropfen nur so auf den teuren perlgrauen Teppichboden spritzten. „Am besten reden haben immer die, die es nicht betrifft. Ich scheiße auf dermaßen dämliche Gemeinplätze, weißt du. Du bist fein aus dem Schneider, gell. ICH bin der, der auf der Strecke bleibt. ICH bin der, der jetzt nicht weiß, was er weiter anfangen soll. Und das schert mal wieder keine Sau.“ Schwungvoll wurde das Glas an die Lippen befördert, der Rest des Whiskeys gluckerte die Kehle hinunter.
„Jedenfalls habe ich noch nicht gehört, dass Sich-Besaufen und Im-Selbstmitleid-Versinken je irgend etwas besser gemacht haben sollen“. Diese spitze Bemerkung konnte ich mir einfach nicht verkneifen; kaum war sie heraus, bereute ich sie auch schon wieder. Ich biss mir auf die Lippen und senkte beschämt den Kopf. Der Teufel hole mein vorschnelles Mundwerk, dachte ich. Im Grunde genommen tat mir Marius ja Leid. Sehr Leid sogar.

Mein Mann (oder hieß das jetzt Ex-Mann?) wirbelte herum und warf das Glas an die Wand. Krachend zerbarst es in einen Splitterregen, und wieder war der teure Perlgraue das Hauptopfer. Es juckte mich ehrlich in den Fingern, in die Küche zu eilen, Lappen und Staubsauger aus dem Kabuff zu holen und die Sauerei aufzuwischen. Regelrechte Gewalt musste ich mir angedeihen lassen, ruhig auf der Stelle stehen zu bleiben und die Hände stattdessen zu Fäusten zu ballen. Ich hasste Untätigkeit. Aber ich musste mich langsam daran gewöhnen, dass mich das alles hier ganz und gar nichts mehr anging. Ebenso wenig wie die Kaffeeverzierungen in der Küche und wie Marius‘ unzulänglich gebügeltes Hemd. Die Zeiten waren vorbei. Endgültig und unwiderruflich.

Er ging zu seinem Schreibtisch, ließ sich davor nieder, schaltete den Computer ein. Die Maschine fuhr hoch. Zögernd baute ich mich hinter Marius auf und schaute über seine Schulter auf den Monitor. Der Mauscursor wurde auf die Fotodatei dirigiert. Click.
Oh nein. Nicht schon wieder! –
„Warum tust du dir das an? Das ändert doch nichts. Überhaupt nichts ändert das, verstehst du. Du machst es dir und mir nur schwerer, als es unbedingt sein muss!“
„Sieh her“, er deutete auf das Foto. Die Vergrößerung nahm fast die gesamte Bildschirmoberfläche ein. „Erinnerst du dich?“
Und ob ich mich erinnerte. Gegen meinen Willen bröckelte meine Haltung. Jetzt traten auch mir die Tränen in die Augen.
„Unser Urlaub. Vergangen Sommer. In Mailand“, sagte ich.
„Unser Lieblingscafe an der Piazza Duomo“, fuhr er fort.
„Uh, diese Touristenmassen. Siehst du die dahinten?“ Ich deutete auf eine Gruppe im Bildhintergrund. „Japaner. Die Fotoapparate sind fast größer als sie selbst.“ Wider Willen musste ich schmunzeln.
„Cappuccino mit viel Sahne. Dazu Croissants“, spann Marius den Faden weiter.
„Gnocci in Sahnesauce. Pizza funghi, wagenradgroß.“
„Tramezzino, Averna, Valpolicelle in Massen.
Und danach sind wir ins Hotel zurückgegangen und haben uns geliebt...“ Wieder brach ein Schluchzen aus ihm hervor.
„Mascarpone-Eiscreme“, lenkte ich schnell vom Thema ab.
„Stracciatella. Cafe Macchiato. Mit und ohne Taubenschiss.“
Marius Mundwinkel zuckten. „Tiramisu“, sagte er.
„Bloß nicht sentimental werden. Du hast das süße Zeugs gehasst“, erinnerte ich ihn.
Er beugte sich vor und zeichnete meinen Oberschenkel auf dem Foto nach. Auf dem Bild trug ich knappe, weiße Shorts.
„Eine Haut wie Samt und Seide“, sinnierte er. Ich verzichtete auf eine Antwort und schluckte. Dass er unsere Trennung sooooo schwer nehmen würde... wer hätte das geahnt? Mir war es eher so vorgekommen, als sei er mehr mit seinem Job und seinem verdammten Computer verheiratet als mit mir. Wann hatten wir eigentlich zuletzt miteinander geredet, uns unsere Gefühle mitgeteilt? Wann uns zuletzt gesagt „Ich liebe dich“? Oder es uns wenigstens gezeigt? Vielleicht hätte sich so manches Missverständnis vermeiden lassen.
Ich richtete mich kerzengerade auf und trat ein paar Schritte zurück, um Abstand zwischen Marius und mich zu bringen. Unwillkürlich ging mein Atem ein wenig schwerer, fühlte sich mein Brustkorb wie eingeschnürt an.
Zu spät. Vorbei. DIESER Bruch war keiner, den man mit ein bisschen gutem Willen noch hätte kitten können. Dass er sich so sehr quälte war schlimm für mich, aber...
Ehe ich eingreifen konnte, fegte Marius den Monitor vom Schreibtisch. Das schwere Gerät krachte gegen die Wand, der Schirm explodierte (oder implodierte?) mit lautem Knall. Wie von der Tarantel gestochen sprang er von seinem Stuhl auf, drehte sich taumelnd um seine eigene Achse, warf die Arme in die Luft, brach in die Knie. „Gott, wenn ich dich doch nur noch einmal spüren könnte“, schrie er. „Nur noch ein einziges, letztes, allerletztes Mal. Bitte. Gott..“
„Du weißt genau, das das nicht möglich ist. Nicht einmal dann, wenn ich es wollte. Weil es alles nur noch schlimmer machen würde“, brüllte ich zurück. „Himmel, glaubst du wirklich, ich bin aus Eisen? – Kannst du denn nicht ausnahmsweise einmal daran denken, was du MIR mit dieser Szene antust...?“
Halt. Das war jetzt ungerecht, und ich wusste es. Keuchend brach ich ab.
Die Zeit lief mir davon. Ich brauchte einen Einfall. So konnte ich Marius nicht zurücklassen. Auf gar keinen Fall. Wenn ich endgültig ging und für immer aus seinem Leben verschwand, dann wollte ich mich weder mit Gewissensbissen, noch mit Selbstvorwürfen plagen müssen.
Ich hatte eine Eingebung. Keine Ahnung, woher sie kam. Aber ich folgte ihr.
Ich holte tief Atem.
Stellte mir vor, wie sich meine gesamte Kraft, alle Liebe, der Rest meiner Energie in diesem Atemzug vereinigten.
Ging auf Marius zu.
Presste meine Lippen auf seinen Mund.
Und dann, so als wolle ich ihn Mund-zu-Mund beatmen, blies ich ihm meinen Lebensatem mit aller Gewalt, die ich aufbringen konnte, ein.
Ich blies, bis mir schwindlig wurde, bis ich mir leer vorkam wie ein ausgepresster Ballon, und nur noch keuchen und taumeln konnte.
Marius prallte zurück, als hätte ich ihn geschlagen anstatt geküsst. Seine Augen waren weit aufgerissen und spiegelten den Schreck über meine unerwartete Attacke, aber der eigentümliche Schleier, dieser Ausdruck von Leere und In-Sich-Gekehrtheit, war endlich daraus verschwunden. Er fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund, drehte sich einmal langsam um sich selbst und blickte sich um wie einer, der aus einem langen Schlaf aufwacht. Ich folgte seinem Blick, schaute mich ebenfalls so intensiv wie möglich um, nahm alles in mich auf. Ich wusste, ich würde das alles hier nie wieder sehen.
Lange Zeit sprach keiner von uns ein Wort. Beide mussten wir uns erst erholen, jeder auf seine Weise. Endlich ging mein Atem wieder normal, und so ergriff ich als erste das Wort.
„Schon besser, mein Lieber. War vielleicht eine Gewaltkur, aber scheinbar ganz heilsam. Vielleicht lässt du mich jetzt endlich gehen, lässt mich endlich mit Anstand und Würde Auf Wiedersehen sagen?“
„Ich muss los“, erwiderte Marius und lauschte seinen eigenen Worten nach. Noch einmal schaute er sich misstrauisch im Wohnraum an, berührte mit den Fingerspitzen fragend seine Lippen.
„Dann komm. Gehen wir noch ein Stück gemeinsam“, schlug ich vor.

Er drehte sich um wie in Trance und schritt in die Diele, zurrte vor dem Spiegel seine Krawatte mehr schlecht als recht zurecht (oje!), schlüpfte in den schwarzen Blazer und griff nach dem Schlüsselbund. Er öffnete die Haustür, ich schlüpfte an ihm vorbei auf den Plattenweg, er warf noch einen forschenden Blick in die Runde, ehe er die Tür hinter sich zuzog und abschloss.
Seite an Seite schritten wir den Plattenweg bis zum Gartenzaun entlang. Marius hatte scheinbar schon am Abend zuvor den Wagen aus der Garage geholt und abfahrbereit auf die Straße gestellt. An den Whiskey wollte ich jetzt lieber gar nicht denken.
Er stieg ein, zog die Wagentür zu, ließ die Scheibe hinunter, steckte den Schlüssel ins Schloss und schnallte den Sicherheitsgurt fest. Ich beugte mich zu ihm herab, legte meine Arme in das offene Wagenfenster.
„Das ist jetzt das letzte Mal für lange Zeit, dass wir uns sehen“, sagte ich.
„Ich werde dich vermissen“, sagte er.
„Ich liebe dich“, sagten wir beide. Im Chor.
„Aber ich denke, du wirst es schaffen?!“ fragte ich.
„Ich werde es schaffen“, murmelte mein Mann zu niemand Bestimmtem. „Ich muss, und ich werde.“
„Leb wohl“, sagte ich und trat vom Wagen zurück. Mein Mann drehte den Schlüssel und legte den Gang ein. Langsam rollte der schwere Mercedes an.
„Ich denke, ich bin jetzt soweit“, verkündete ich. Das Resultat war, dass ich plötzlich von einem hellen, funkelnden Lichtstrahl eingehüllt wurde, der in allen Regenbogenfarben funkelte.
„Beam me up, Scotty“, murmelte ich.
Der Lichtstrahl nahm mich mit, wohin immer er Menschen wie mich mitzunehmen pflegte. Die Konturen der gewohnten Welt wurden durchsichtig, lösten sich auf. Bis zum Schluss hielt ich meinen Blick auf das sich entfernende Heck unseres Wagens geheftet, mit dem mein Mann unterwegs war. Unterwegs zum Friedhof – zu meiner Beerdigung.